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Sonderpädagogin Dunja Wachtel bei der Arbeit mit den Schülern im neuen Förderraum. Das Montessori-Material mit seinem Aufforderungscharakter spricht alle Kinder an – mit und ohne Handicap.

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Nicht nur mit den Augen kann man lesen lernen. Diese beiden Jungs fühlen die Linien der Buchstaben nach und das klappt prima.

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„Vielfalt und Individualität zu leben, macht das Lernen an der Hinsbeckschule bunt und spannend. Wir bejahen die Unterschiedlichkeit der uns anvertrauten Kinder ausdrücklich”, sagt Sandra Burchgardt, kommissarische Rektorin der Hinsbeckschule.


Die Hinsbeckschule macht sich auf den Weg zur Inklusion. Seit Beginn des laufenden Schuljahres werden Kinder mit und ohne Behinderung an der städtischen Gemeinschaftsgrundschule an der Schwermannstraße 9 gemeinsam unterrichtet.Am 1. Januar 2009 ist die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland in Kraft getreten. Dieses völkerrechtlich verbindliche Übereinkommen strebt nicht weniger als eine Bewusstseinsänderung an: Bei der Betrachtung des Menschen soll nicht länger der medizinische Ansatz im Vordergrund stehen, sondern die Andersartigkeit des Individuums; nicht die vermeintlichen Mängel, die jemand hat, sondern die Verschiedenartigkeit der Menschen.

UN-Behindertenrechtskonvention

Zentrales Ziel der UN-Konvention ist die Inklusion, sprich, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit langfristigen körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen am gesellschaftlichen Leben. Inklusion beinhaltet eine unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft, Arbeit und Beschäftigung, einen angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz, die Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport. „Eine Mammutaufgabe“ nannte Landesschulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) den sich aus der UN-Konvention ergebende Auftrag, ein inklusives Bildungssystem zu gewährleisten. Eine Aufgabe, die nur über mehrere Schritte in einem mittelfristigen Zeitraum absolviert werden könne. Daher mag Siegfried Großmann, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Schule der Stadt Essen, auch noch nicht von Inklusion sprechen, ehe das Ziel nicht gänzlich erreicht ist. Dessen gesetzliche Grundlagen sind fast noch taufrisch: Am 23. März dieses Jahres hat das NRW-Landeskabinett den Gesetzentwurf für ein Erstes Gesetz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Schulen beschlossen.

Gemeinsamer Unterricht und integrative Lerngruppen

Schritte hin zur Inklusion, nämlich Gemeinsamer Unterricht (GU) von Kindern mit und ohne Förderbedarf – vornehmlich an den Grundschulen – und integrative Lerngruppen an den weiterführenden Schulen, macht Essen schon länger, als man denken könnte: Die Gesamtschule Holsterhausen bietet seit ihrer Gründung 1997 Gemeinsamen Unterricht an, der Schüler mit besonderem Förderbedarf integriert. Sukzessive werden Essens Schulen mit GU und integrativen Lerngruppen als deren Vorstufen auf die Inklusion vorbereitet. „Derzeit gibt es 87 städtische Grundschulen in Essen, davon laufen drei aus. An 47 dieser Essener Grundschulen gibt es bereits Gemeinsamen Unterricht“, berichtet Siegfried Großmann. Rund 80.000 Schüler gibt es in Essen, etwa 4.000 davon haben sonderpädagogischen Förderbedarf, davon gehen die Planer aus. In Essen wird der Anteil der Eltern, die ihre Kinder ausschließlich im Regelschulsystem beschult wissen wollen, immer größer. „Jedes Kind, das sonderpädagogischen Förderbedarf hat und wenn die Eltern das möchten, kann eine Regelschule besuchen“, so Großmann.

Leitbild: Schule für alle Kinder

Als die Stadt Essen im vergangenen Jahr auf der Suche nach einer weiteren Grundschule im Essener Süden war, die Gemeinsamen Unterricht anbietet, machte sich das Kollegium der Hinsbeckschule auf den Weg zu einer inklusiven Schule. „Unser Leitbild ist es, eine Schule für alle Kinder zu sein“, betont Sandra Burchgardt, kommissarische Rektorin der Hinsbeckschule. „Jedes Kind der Hinsbeckschule wird als wichtiges Mitglied der Gemeinschaft wertgeschätzt, unabhängig von seinem Können, seinen Möglichkeiten und seinen Einschränkungen.“ Seit dem 1. August 2012 werden Kinder mit und ohne Behinderung an der Gemeinschaftsgrundschule zusammen unterrichtet. Von den insgesamt 110 Schülerinnen und Schülern sind 105 Regelkinder und fünf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Förderung von Toleranz und Hilfsbereitschaft

Seit diesem Schuljahr gehören noch zwei Sonderpädagoginnen mit zum Team der Hinsbeckschule. Einmal im Monat wird die Schule vom Kompetenzteam Essen prozessbegleitend fortgebildet. Es wurde ein eigener Förderraum eingerichtet sowie ein Beratungsraum für Elterngespräche. „Der Gemeinsame Unterricht hat nicht nur für Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf einen besonderen Erfahrungswert, sondern in hohem Maße auch für die Regelschüler. Für alle Kinder stehen die Stärkung des Gruppengefühls, Förderung von Toleranz und Hilfsbereitschaft, Akzeptanz jedes Einzelnen mit seinen Stärken und Schwächen, Differenzierung und individuelle Förderung und die Schaffung eines positiven Lernklimas im Vordergrund. Alle Kinder sollen Schule als Lern- und Lebensort erleben können. Daher holen wir die Kinder dort ab, wo sie stehen,“ so Sandra Burchgardt.

Integrationshelferinnen und Förderraum

In den Klassen sind zeitweise bis zu drei erwachsene Personen, die mit den Kindern lernen. Dazu gehören auch die Integrationshelferinnen, die keine Zweitlehrerinnen, sondern Eingliederungshilfen sind, die die Mädchen und Jungen mit Behinderung bei der Umsetzung von Übungen sowie im sozialen und emotionalen Bereich und bei der Kommunikation unterstützen. „Von den Integrationshelferinnen profitieren aber alle Kinder“, berichtet die kommissarische Schulleiterin. Die Gruppen, mit denen die Integrationshelferinnen – etwa im neu eingerichteten Förderraum – arbeiten, sind immer gemischt, bestehen aus Kindern mit und ohne Behinderung. Der Förderraum ist mit Montessori-Materialen ausgestattet, die verschiedene Lernbereiche fördern und mit denen die Kinder mit allen Sinnen lernen. Das sind beispielsweise Dinge zum Fühlen und Tasten, um ein Gefühl für Formen und Oberflächen zu bekommen. Anderes Material hilft z.B. beim Lesenlernen.

Individualisiertes Lernen förderlich für alle Kinder

„Das Material, mit dem wir arbeiten, ist für alle Kinder interessant und förderlich“, weiß Dunja Wachtel, eine der Sonderpädagoginnen an der Hinsbeckschule, aus Erfahrung. „Die Einzigartigkeit und das Prinzip, das Individuum dort abzuholen, wo es steht, gelten ja für jedes Kind. Jedes Kind hat Besonderheiten, ein anderes Lerntempo, das im Rahmen unserer Arbeit berücksichtigt wird.“ Oftmals sind die Besonderheiten generelle Zeichen der Zeit: „Kindheit ist heute anders“, weiß Sandra Burchgardt. „Heute beträgt der Bewegungsradius von Grundschulkindern gerade noch 5 Kilometer, früher waren das 20. Die Kinder spielen weniger draußen, der Schulweg bedeutet heute oftmals: ins Auto hinein und aus dem Auto heraus.“ Sonderpädagogin Dunja Wachtel bestätigt: „Dinge wie Wahrnehmungsstörungen haben natürlich nicht nur die Kinder mit Behinderungen, sondern auch Kinder mit einem Mangel an Erfahrungen in der Freizeit. Das betrifft etwa ganz simple Erfahrungen wie einen Apfel zu schälen; wie viel Druck muss man mit dem Messer ausüben. Lebenspraktische Erfahrungen fehlen an vielen Stellen.“ An der Hinsbeckschule partizipieren daher alle Kinder am sonderpädagogischen Programm. „Neben der Arbeit mit den Montessori-Materialien machen wir beispielsweise mit Musik begleitete Phantasiereisen, die helfen, beide Gehirnhälften auszugleichen“, erklärt Dunja Wachtel und Sandra Burchgardt fügt hinzu: „Die Schere geht auch bei Kindern ohne Behinderung immer mehr auseinander, daher ist individualisiertes Lernen so wichtig.“

Andere Kompetenzen werden wie von selbst erreicht: „Durch den Gemeinsamen Unterricht wird die Toleranz immens gefördert. Die Kinder sind sehr aufmerksam und helfen sich gegenseitig“, berichtet die kommissarische Rektorin und die Freunde darüber ist ihr anzusehen.